ANTONY GO RMLEY Horizon Field
August 2010 bis April 2012

Eine Landschaftsinstallation
im alpinen Hochgebirge Vorarlbergs, Österreich
Presented by Kunsthaus Bregenz
 
Text von Eckhard Schneider . Antony Gormley über Horizon Field . Biografie Antony Gormley
 
Antony Gormleys radikale Aktualität als Künstler leitet sich von seinem Wunsch ab, ein scheinbar abgeschlossenes klassisches Thema, die menschliche Figur, in einen neuen, universellen Kontext zu stellen. Seit den 1980er-Jahren, als Gormley mit Blei- und Eisenfiguren nach Abgüssen seines eigenen Körpers die Grundlagen für sein Werk schuf, ist es sein zentrales Anliegen, auf der Grundlage verschiedener Strategien neue künstlerische und gesellschaftliche Bereiche zu erschließen.
Weit über die bloße Suche nach einem weiteren Kapitel formalästhetischer Erforschungen hinausgehend, beschäftigt sich Gormley permanent mit dem Menschen – als Individuum oder Masse, als sozialem und gesellschaftlichem Wesen – und mit dessen Rolle, stellvertretend durch seine Skulpturen, Objekt und Subjekt zugleich zu sein. Durch die Reduktion der menschlichen Form auf eine Spur oder einen Index gelingt es Gormley, seine Figuren von den Bedingungen der traditionellen Skulptur zu befreien, in der sie in selbstgenügsamer Isolation entsprechend ihrer wahrgenommenen Funktion auf Sockeln stehen. Er liefert seine Figuren der modernen Wahrnehmung von Leben, Kunst und Raum aus. Dazu gehören vor allem die kritische Auseinandersetzung mit Masse als konstitutivem, formalem und emotionalem Element von Skulptur, die Erforschung der skulpturalen und existenziellen Bedeutung des Raumes in abgegrenzter und erweiterter Form und schließlich die entscheidende Frage der Gefährdung und Selbstbehauptung des Menschen in der Welt (die in den Landschaftsprojekten des Künstlers von besonderer Bedeutung ist). Gormleys Kunst beschäftigt sich mit diesen drei Anliegen, von denen jedes in den Arbeiten unterschiedlich wichtig, jedoch immer latent präsent ist.

Seine Projekte mit dem und im Kontext städtischer und natürlicher Landschaften zeigen seinen Versuch, die radikalen Ansätze der Anfänge von Land Art aus den 1960er- und 1970er-Jahren in eine neue Dimension zu führen. Auch wenn es hierzu viele punktuelle skulpturale Setzungen von Gormley gibt, so stellen, gemessen an seinen eigenen Vorstellungen, die großen »Feldversuche« mit multiplen Figuren die eigentliche Herausforderung dar. Diese bestehen aus drei Haupttypen: Der erste, Field, befasst sich mit der Idee einer ins Unermessliche potenzierten Figurenmasse, hervorgegangen aus dem sozialen Engagement vieler Laien bei der Produktion der Figuren. Der zweite, Event Horizon, arbeitet mit einer definierten Anzahl von Körperabgüssen des Künstlers in jeweils städtischen Kontexten. Die Figuren verknüpfen dabei spezifische Standorte auf Gebäuden einer Stadt, die mit einem urbanen Netzwerk interagieren. Mit Horizon Field, dem dritten Konzept, postuliert Gormley, beginnend mit Another Place (1997) über Inside Australia (2002) und Time Horizon (2006), dass kritische Auseinandersetzung nicht in wertneutralen, von ästhetischen Gesetzen determinierten Räumen der Kunst wie Museen, Galerien und öffentlichen Plätzen geschieht, sondern in und mit der Natur. Gormley stellt damit sein Werk in einen für jedes Individuum bedeutsamen Kontext, in dem Schönheit und Erhabenheit mit der Erkenntnis einhergehen, dass die Ressourcen der Natur immer schneller zu erschöpfen drohen.
Another Place und Horizon Field demonstrieren Gormleys strategisches, konzeptuelles Denken. Wenige, aber entscheidende Regeln definieren das künstlerische System und öffnen gleichzeitig eine Vielzahl von Seh-, Denk- und Beziehungsebenen. Hierzu gehört das Verhältnis zwischen Einzelfigur und Serie, zwischen konstruiertem Raum und Naturraum und zwischen den Faktoren Bewegung und Zeit.
Das Multilaterale einer ins Serielle potenzierten Masse tendiert zur Auflösung des Zentrums und ist somit ein wichtiger Faktor für eine Demokratisierung der Beziehung zwischen Raum, Skulptur und Betrachter. Gormley hat dieser Gedanke immer fasziniert, weil er ihm die Gelegenheit gibt, mit seinem Werk in die offenen Räume der Natur zu expandieren. Horizon Field ist ein kühner Versuch, Kunst und Natur in einen Zustand der Empathie zu überführen. Die Idee, 100 Figuren auf 2.039 Meter Höhe zu installieren, besticht nicht so sehr als logistische Herausforderung, sondern als Vision, in einem Großversuch Kunst und Kultur als integralen Teil der Natur zu begreifen und damit ein neues Bewusstsein über unsere Rolle als kulturelle Wesen zu fördern. Gormleys Horizon Field vereint alle seine zentralen künstlerischen Anliegen in großem Maßstab. Fernab vom beeinflussenden Kontext eines Museums eröffnet es neue Beziehungsfelder durch die Verortung von Kunst in einer sozialisierten Naturlandschaft. Die Berglandschaft Vorarlbergs in ihrer spezifischen Mischung aus Naturschönheit, Urbanität und Sozialisation historisch gewachsener Talgemeinschaften ist für Gormley das ideale Versuchsfeld für eine Neubestimmung des Verhältnisses zwischen Natur und Kultur.
Ein Vergleich mit dem Werk eines älteren Künstlers macht den von Gormley geleisteten Paradigmenwechsel deutlich. Walter De Marias Land-Art-Projekt The Lightning Field (1977) erklärt in beinahe heroischen Dimensionen die Autonomie der Kunst und im übertragenen Sinn die der Kultur. The Lightning Field befindet sich auf einer Ebene in rund 2.195 Meter Höhe im westlichen New Mexico, USA. Es besteht aus 400 hochglanzpolierten, 5,8 Zentimeter starken Edelstahlstäben mit einer durchschnittlichen Länge von rund 6,2 Metern, die in einem regelmäßigen Raster von je rund 6,7 Metern Abstand eine Fläche von rund einer Meile mal einem Kilometer bedecken. Die Spitzen der Stangen sind so justiert, dass sie eine absolut horizontale Fläche definieren, die mit der planen Hochebene korrespondiert. Der Naturraum bildet hier eine grandiose Kulisse für die Demonstration von Erhabenheit, hervorgerufen durch die Regelhaftigkeit und technische Schönheit des Materials sowie durch das mathematische Kalkül des Rasters. Es ist ein Akt unbedingter Freiheit und Selbstbehauptung der Kunst gegenüber der Natur, sichtbar gemacht durch die serielle Anonymität und Ordnung der Stahlstäbe. Wir erleben die wertneutrale Koexistenz zweier Systeme, deren Besonderheit im Aufeinandertreffen die dramatische Potenzierung ihrer jeweiligen Schönheit ist. Walter De Maria hat mit seiner Arbeit das Bewusstsein für die Erhabenheit eines in sich geschlossenen Kunstsystems geschaffen, das im Widerschein der Natur seine konsistente rationale Logik zu steigern vermag.
Gormley hingegen bindet die menschlich geformten Skulpturen ein und verliert sie zugleich beinahe in einem durch eine gegebene Topografie bestimmten Raum, der das Greifbare, das Wahrnehmbare und das Konzeptuelle nahtlos miteinander verbindet. Er setzt auf die transitorische Nachbarschaft von natürlichem Freiraum und gesellschaftlicher Einbindung. Jede seiner 100 Figuren repräsentiert unser Streben sowohl nach Individualität als auch nach Gesellschaft. Die einzelnen Figuren schauen in alle Richtungen, sind aber niemals einander zugewandt.
Der Abstand zueinander variiert je nach Topografie zwischen 60 Metern und mehreren Kilometern. Der von allen Figuren gebildete Horizont ist konkret in Ausschnitten durch Sehen erlebbar und zugleich im Ganzen gedanklich nachvollziehbar: ein Resultat der Verortung der Einzelfigur und der Fähigkeit des Betrachters, über seine Vorstellung die Gesamtheit zu erfassen.
Bei Horizon Field geht es nicht, wie wir es von mittelalterlichen Darstellungen her kennen, um die Ohnmacht des Menschen gegenüber der Allmacht und Gnade einer göttlichen Ordnung, und auch nicht wie bei Caspar David Friedrich um die romantisierende Antizipation von Erhabenheit des sozialisierten Individuums durch dessen Vereinzelung im Angesicht der Erhabenheit von Natur oder wie bei Walter De Maria um die Setzung einer idealen künstlerischen Ordnung parallel zu ihr. Gormley kehrt vielmehr mit seinem Modell buchstäblich in die Realität der Erde mit ihren postindustriellen Verwerfungen zurück. Dabei verliert er jedoch nie seine ursprüngliche Vision aus den Augen, die er selbst so formuliert hat: »Horizon Field stellt einen eindeutigen Indikator für einen Paradigmenwechsel in der Kunst dar. Kultur, die bislang immer in ihrem Unterschied zur Natur gesehen worden ist, muss nunmehr als ein ihr integraler Bestandteil betrachtet werden. (…) Horizon Field stellt, wie ein Großteil meiner Arbeiten, eine offene Frage, welche Rolle das Projekt Menschheit in der Evolution des Lebens auf diesem Planeten spielt. (…) Horizon Field stellt grundlegende Fragen: Wer sind wir, was sind wir, woher kommen wir, und wohin führt unser Weg? Die Arbeit erreicht dies, indem sie den Körper, die Wahrnehmung und die Vorstellungskraft bei all jenen aktiviert, die in dieses Beziehungsfeld eintreten.«
Eckhard Schneider, Generaldirektor des PinchukArtCentre, Kiew
* Antony Gormley in einer E-Mail an das Kunsthaus
 
Antony Gormley über Horizon Field
„Durch die Präsentation dieser unerbittlichen, erdgebundenen, aber auch erdbezeugenden Wächter in Raum und Zeit stellt die Installation 100 industriell gefertigte Artefakte in eine natürliche Welt fernab der kontextualisierenden Einflüsse des Museums. Horizon Field stellt grundlegende Fragen: Wer sind wir, was sind wir, wo kommen wir her und wohin führt unser Weg?

Das Skulpturenensemble erkennt die Notwendigkeit einer kollektiven Zukunft, die auf den Modellen überschaubarer nachhaltiger Gemeinschaften wie jener der Walser in den Hochalpen aufbaut. Die Notwendigkeit einer radikalen Neuorientierung des kulturellen Ausdrucks, der ein neues Verständnis einer sich selbst regulierenden Biosphäre zugrunde liegt, bildet den Kern dieses Projekts. Meiner Überzeugung nach ist dies nicht nur für diese Region wichtig, für Österreich, sondern für alle der Empfindung fähigen Wesen, die diesen Planeten bereisen.“ (Antony Gormley, April 2010)

„Die wesentliche Aussage dieser Arbeit besteht darin, eine Verbindung zwischen dem, was greifbar, wahrnehmbar und vorstellbar ist, herzustellen. Es ist ein Beziehungsfeld zwischen Körper und Geist, in dem einige Körper Surrogate sind, andere real.“
„Die für die Menschheit entscheidende Frage ist, ob der Mensch als Spezies an der Weiterentwicklung des Lebens auf diesem Planeten teilhaben wird oder nicht. Das Leben hat 3,7 Milliarden Jahre gebraucht, um sich von den ersten Stromatolithen bis hin zu unserer hoch entwickelten, bewussten Lebensform zu entwickeln. Wir haben noch weitere 6 Milliarden Jahre in diesem Sonnensystem vor uns und müssen entscheiden, ob wir uns im Einklang mit der Natur weiterentwickeln können oder nicht. In der Vergangenheit hat sich die Kultur stets als von der Natur abgegrenzt definiert. Dieses Projekt und alles, was damit zu tun hat, stellt die Frage, ob wir unser Wesen innerhalb der Natur finden können.“ (Antony Gormley in einem Interview für das Vorarlberg Tourismus Magazin, Ausgabe Februar 2009)
 

Biografie
Seit mehr als 25 Jahren beschäftigt sich Antony Gormley mit dem Bild des Menschen in der Skulptur anhand einer radikalen Untersuchung des Körpers als Ort von Erinnerung und Transformation, und zwar unter Verwendung seines eigenen Körpers als Subjekt, Werkzeug und Material. Ab 1990 hat er seine Auseinandersetzung mit dem Menschsein um die Erforschung des kollektiven Körpers erweitert sowie um die Beziehung zwischen dem Selbst und dem Anderen in groß angelegten Installationen wie etwa Allotment, Another Place, Critical Mass, Domain Field und Inside Australia. Seine Arbeit setzt sich zunehmend mit Energiesystemen, Feldern und Vektoren auseinander und rückt von der Betrachtung von Masse und abgegrenztem Volumen ab, wie etwa Another Singularity, Blind Light, Clearing und Firmament verdeutlichen. Gormleys jüngste öffentliche Arbeit, das gefeierte One & Other, bestand aus 2400 Teilnehmern, die die Regionen Großbritanniens repräsentierten und an über 100 aufeinander folgenden Tagen jeweils eine Stunde auf einem leeren Sockel inmitten des Londoner Trafalgar Square verbrachten.
Antony Gormleys Werk ist umfassend in Großbritannien gezeigt worden, u. a. in Einzelausstellungen in London, so in der Whitechapel Gallery, der Tate Britain, der Hayward Gallery und im British Museum, und ebenso in internationalen Ausstellungen wie im Louisiana Museum, Humlebæk; in der Corcoran Gallery of Art, Washington DC; in der Malmö Konsthall, im Moderna Museet, Stockholm; im Kunsthaus Bregenz und im Antiguo Colegio de San Ildefonso, Mexico City. Er hat an Gruppenausstellungen an der Biennale in Venedig sowie der Documenta 8 in Kassel teilgenommen. Antony Gormley erhielt 1994 den Turner Prize, 1999 den South Bank Prize for Visual Art und wurde 1997 mit dem Order of the British Empire (OBE) ausgezeichnet. Im Jahr 2007 erhielt er den Bernhard-Heiliger-Preis für Skulptur. Er ist Ehrenmitglied des Royal Institute of British Architects, des Trinity College, Cambridge, und des Jesus College, Cambridge, und ist seit 2003 Mitglied der Royal Academy of Arts.
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