Jan Fabre
  From the Feet to the Brain  
Biennale Venedig
53. Internationale Kunstausstellung  06 | 06 – 20 | 09 | 2009
   




 
    Jan Fabre
Biennale Venice
Brochure

Jan Fabre
Biennale Venezia Brossura
  

     
         

1 Jan Fabre
Ik heb een stuk van het
plafond van het koninklijk
paleis moeten uitbreken
omdat er iets uitgroeide, 2008
Ich habe einen Teil der Decke des Königlichen Palastes
herausgebrochen, da daraus
etwas herauswuchs
Installationsansicht Arsenale Novissimo, Venedig, 2009
Foto: Pat Verbruggen
© Angelos



2 Jan Fabre
Vaporetto
Biennale Venedig

 

Als Jan Fabre 2008 für Bregenz die neue Werkfolge „From the Cellar to the Attic – From the Feet to the Brain“ schuf, war dies ein bedeutender Schritt in seiner Werkentwicklung. Mit fünf raumgreifenden skulpturalen Tableaus entfaltete Fabre eine berückende, mit herkömmlichen künstlerischen Maßstäben kaum fassbare, stets zwischen Realität und Traum changierende mythische Welt des Schreckens, der Schönheit und der Metamorphose. Die Inszenierung folgte der Gestalt des menschlichen Körpers. Fünf Ausstellungsebenen bildeten in ihrem metaphorischen Gleichklang mit den verschiedenen Zonen des Körpers – beginnend mit den Füßen im Untergeschoss, endend mit dem Gehirn im obersten Geschoss – ein Gesamtkunstwerk von rätselhafter Komplexität.
Dank der Kooperation von Galleria d’Arte Moderna e Contemporanea di Bergamo (GAMeC), Studio Fabre, Kunsthaus Bregenz (KUB), und der Unterstützung von Linda und Guy Pieters kann Jan Fabre die fünf skulpturalen Tableaus für Venedig neu inszenieren. Eine breite internationale Kunstöffentlichkeit hat nun im Rahmen der 53. Biennale in Venedig die Möglichkeit, dieses Gesamtkunstwerk ein weiteres Mal zu entdecken.
Fabre besinnt sich mit „From the Feet to the Brain“ auf die künstlerischen Regeln seiner Werkfigur und erweitert gleichzeitig die bisherigen Grenzen seiner künstlerischen Praxis. Seine Grundprinzipien sind: 1. die Erkenntnis der Bildmacht des Realen, entdeckt bei den flämischen Primitiven und entwickelt über die visuelle Kraft der Performance und des Theaters, die schließlich in skulpturale Tableaus einmündet; 2. die extreme Betonung des Körperlichen als Kristallisationspunkt zwischen Leben und Tod, Qual und Erfüllung; 3. die Begeisterung für das Insekt als Sinnbild der Metamorphose, als Gegenstand intensiver Untersuchungen und wichtiges Material für Zeichnungen, Objekte sowie wand- und raumfüllende Inszenierungen; 4. der kontinuierliche Einsatz des automechanischen Prinzips, das aus der Entdeckung des Körpers und dem Verhalten der Insekten hervorgegangen ist, für alle künstlerischen Aktivitäten; 5. die Faszination für Widerspiegelung und Doppelung, die Ausgangspunkt vieler Werke ist.

   
         
 
       
   
         
1 Jan Fabre
In de loopgraven van het brein
als kunstenaar-lilliputter 2008
In den Laufgräben des Gehirns
als Künstler-Liliputaner
Installationsansicht Arsenale Novissimo, Venedig, 2009
Foto: Pat Verbruggen
© Angelos

2 Jan Fabre
Fontein van de wereld
(als jonge kunstenaar), 2008
Springbrunnen der Welt
(als junger Künstler)
Installationsansicht Arsenale
Novissimo, Venedig, 2009
Foto: Pat Verbruggen
© Angelos

3/4 Jan Fabre
Schuilkelder-atelier voor de
kunstaar-krijger, 2009
Schutzkeller für den Künstler-Krieger
Installationsansicht Arsenale
Novissimo, Venedig, 2009
Foto: Pat Verbruggen
© Angelos
 

Es sind fünf, auf ihre je eigene Weise bildmächtige Elemente, die jetzt in den Arsenale-Hallen neu präsentiert werden: Fuß, Geschlecht, Bauch, Herz und Kopf. Nie zuvor hat Jan Fabre so radikal wie mit diesen fünf Tableaus den menschlichen Körper zur Leitidee sowohl der gesamten Komposition als auch der einzelnen Werkblöcke gemacht. Was im Kunsthaus Bregenz vertikal angeordnet war, ist nun horizontal ausgebreitet. Mit der bildhaften Interpretation des Themas gelingt es Fabre, alle ästhetischen Freiheiten, die in seinem Werk angelegt sind, auszuschöpfen und gleichzeitig auf das vielleicht stärkste Thema seines Œuvre, das des eigenen Körpers, zu fokussieren. Wie nie zuvor ist Jan Fabre damit im wahrsten Sinn des Wortes ganz bei sich. „From the Feet to the Brain“ erzählt seinen Lebensentwurf im Ideal des Künstlers und legt deutlicher denn je den bewusst gewählten künstlerischen Anachronismus offen, der seine spezifische und manchmal auch missverstandene künstlerische Einmaligkeit ausmacht.

Im Jahr 1978 errichtet Jan Fabre (*1958 in Antwerpen/Belgien) auf dem elterlichen Grundstück ein Zelt, das ihm in Folge für lange Zeit als Schlafzimmer, Forschungslabor, Atelier, Rückzugsort und privater Kosmos dienen wird. Dieses Werk, das den Titel „De Neus/Neuslaboratorium” (die Nase/Nasenlaboratorium) trägt, kann als Keimzelle seines künstlerischen Werkes gelten. Drei Zeltstangen, eine darüber geworfene Decke, ein flacher Arbeitstisch, ein blauer Lederranzen, ein Sortiment an Flaschen, die mit Tinkturen und Insekten gefüllt sind, und ein Mikroskop bilden das Laboratorium. Im Inneren gibt es gerade genug Platz für eine einzelne Person. Inspiriert durch die Passion seines Urgroßvaters, des berühmten Entomologen Jean-Henri Fabre, scheint sich zunächst alles um die systematische Erforschung, das Töten, das Fixieren mit Nadeln, das Konservieren und Kategorisieren zu drehen.
Bald darauf verwandelt sich das Zelt jedoch in ein kleines Atelier. Das Terrain, auf dem sich Jan Fabre fortan bewegt, ist die dunkle Zone des Erloschenen, eine Abstraktion, die dem Instinkt erlaubt, seinen Obsessionen zu frönen. Das Zelt symbolisiert nicht nur einen Schutzraum, sondern ist auch ein archetypisches Bild für Risiko, Bedrohung und Verlust und verkörpert zudem die Einsamkeit des Künstlers. Wenn der Ausblick nach außen die Wahrnehmung der Dinge dieser Welt nicht länger zu schärfen vermag, verbleibt immerhin der parallele Pfad, der in den unergründlichen inneren Fundus an Träumen und Visionen führt, auf den man zugreifen kann.

   
         
   
         
   
         
1 Jan Fabre
Ik heb een stuk van het
plafond van het koninklijk
paleis moeten uitbreken
omdat er iets uitgroeide, 2008
Ich habe einen Teil der Decke des Königlichen Palastes
herausgebrochen, da daraus
etwas herauswuchs
Installationsansicht Arsenale
Novissimo, Venedig, 2009
Foto: Pat Verbruggen
© Angelos


 

In diesen Jahren fertigt Jan Fabre eine Reihe von Zeichnungen an, die er im Jahr 1990 in seinem „Buch der Insekten“ veröffentlicht. In einer der Zeichnungen ist die Richtung, die Fabre in seinem Werk zukünftig einschlagen wird, bereits angedeutet. Das DIN A5 Blatt Papier ist bis auf ein kleines Fenster, das ausgespart ist und in dem das Wort „L’instinct“ zu lesen ist, vollständig geschwärzt. Am oberen Rand ist von Hand „zwarte neon in nachtelijk grondgebied” (schwarzes Neon in nächtlichem Territorium) geschrieben. Im unteren Drittel des Blattes sind zwei Nasen, die eine Art Zelt formen, dargestellt: „tentje van neuzen voor nachtelijk grondgebied” (kleines Zelt aus Nasen für nächtliches Territorium). Das Schwarz löscht das Gewesene aus und schafft Raum für den Instinkt und den Traum, die nun wirksam werden können. Bedeutsamerweise besteht das Zelt aus zwei Nasen – denn wenn man den eigenen Augen nicht mehr trauen kann, verlässt man sich stattdessen auf die Nase.
Zwei Jahre vor der Errichtung seines Zeltes fährt Jan Fabre nach Brügge, wo er die Gemälde der flämischen Meister für sich entdeckt. Fabre ist nicht der Auffassung, dass es sich hierbei um Werke handelt, die man nur lange genug studieren muss, um all ihren Geheimnissen auf den Grund zu kommen. Stattdessen erfährt er eine Art Umkehrung der gewohnten Beziehung zwischen Werk und Betrachter: nicht nur schaut er das Werk an, sondern dieses scheint auch ihn zu betrachten. Fabre bewegt die Unmittelbarkeit, mit der Leiden und Qual in den Körperdarstellungen der flämischen Meisterwerke ausgedrückt sind, derart, dass – wie er sagt – von diesem Moment an Body-Art und Performance zu den wesentlichen Elementen in seiner Arbeit werden.
Dieses Verständnis vom Körper, bei dem der eigene Körper mit Gefahr und letztendlich auch mit dem Tod in Verbindung gebracht wird, konfrontiert Fabre insbesondere in seinen Theaterstücken mit dem konträren Konzept eines durch Willenskraft gesteuerten gestählten Körpers, der gänzlich aus Muskeln, Kraftaufwand und Konzentration besteht. Ähnlich wie Insekten wieder und wieder auf eine Lichtquelle zu fliegen, bis sie schließlich erschöpft zu Boden taumeln, füllen in seinen Theateraufführungen Tänzer den hermetischen kastenförmigen Bühnenraum mit dem regelmäßigen Stakkato ihrer Bewegungen.

Eckhard Schneider, Generaldirektor des PinchukArtCentre, Kiew

   
  Eine Präsentation des Kunsthaus Bregenz in Zusammenarbeit mit dem GAMeC Bergamo
Kurator: Eckhard Schneider
Gastgeber: Giacinto Di Pietrantonio
Gefördert durch Linda und Guy Pieters

 
    GAMeCGalleria d’Arte Moderna e Contemporanea di Bergamo   

 
 
 
    Links Jan Fabre
www.angelos.be
www.janfabre.be
   
         
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