gelitin     Chinese Synthese Leberkäse     13 I 04 I - 28 I 05 I 06           
 
 
 

 

   
   
   
1 gelitin
Tantamounter 24/7, 2005
zusammen mit Naomi Fisher
und Gabriel Loebell
Leo König Inc., New York, 2005
Ansicht des Innenlebens

2 gelitin
Braunes Plastilinbild, 2005/06
Plastilin auf Holz
207 × 250 × 13 cm
(Detail)
 
   
     
       
 

Die vier unter der Marke gelitin firmierenden Künstler Ali Janka (* 1970), Wolfgang Gantner (* 1968), Tobias Urban (* 1971) und Florian Reiter (* 1970) gelten als die Bad Good Boys der internationalen Kunstszene. Diese Reputation haben sie sich durch zahlreiche lustvolle Aktionen und Installationen im wahrsten Sinn des Wortes hart erarbeitet, denn gelitin legt großen Wert auf Handarbeit. Meist bauen die vier ihre Objekte aus gefundenem oder exklusivem Abfallmaterial. Die waghalsigen Konstruktionen erfüllen immer ihren Zweck, gelitin selbst und dem Publikum neue lustbetonte körperliche Erfahrungen zu verschaffen – wobei neue Erkenntnisse durchaus nicht ausgeschlossen sind. Höhepunkte ihrer aufwändigen Projekte, die Installation und Rockkonzert, Film und Performance, Aktion und Happening, Deejaying und Ekstase verbinden, sind oft mehrtägige Inszenierungen. Freud-voll traktiert das Kollektiv in guter Wiener Aktionismus-Tradition orgiastisch und einfallsreich Tabus und gesellschaftliche Konventionen. Und das Publikum ist immer mittendrin, ständig zur Partizipation animiert.
Doch gelitin kommt ganz ohne das »Provokationsgetöse des Wiener Aktionismus« (Birgit Sonna) aus. Vielmehr scheinen die vier dem aktionistisch anarchischen Spieltrieb der Marx Brothers zugetan. Was im Übrigen auch für die unterschiedlichen Charaktere der Gruppe gilt, dem besonderen Energiepotenzial von gelitin. Alles wird zusätzlich durch die überraschende Fähigkeit gespeist, die Dinge schlicht wörtlich zu nehmen.
Legendär sind daher Arbeiten wie jene für die Expo 2000 in Hannover, wo es für die Besucher galt, in ein fünf Meter tiefes Wasserloch zu tauchen, um in eine in der Tiefe verborgene Grotte des Glücks zu gelangen; oder die »Buttik Transportør« in der Wiener Galerie Meyer Kainer mit roh gezimmerten Treppen und Räumen, die nur durch Kaugummi zusammengehalten werden und in denen sich Regale mit riesigen Gurkengläsern finden, in denen Stofftiere in Öl eingelegt sind. Aufsehen erregte 2001 der Eingriff der Gruppe am World Trade Center in New York City. Damals gelang es ihr, an allen Wachen vorbei weit oben am Gebäude einen Moment lang in einem Fenster, dessen Scheibe vorübergehen aus dem Rahmen genommen wurde, einen selbst gebastelten Balkon zu installieren. Die Mitglieder der Gruppe traten dann kurzeines nach dem anderen auf den Balkon, was durch einen Schnappschuss von einem Hubschrauber aus dokumentiert wurde.

     
       
         
           
1+2 gelitin
Schlund, 2001
Marstall, München
Foto © Lucien Samaha
(Detail)
3 gelitin at the shore of
Lake Pipi Kacka, 2003
Frieze Art Fair, London,
Lesung
Foto © Polly Braden
4 gelitin
Schlammloch,1999, Alhambra, Diendorf
       
         
 

Ebenfalls 2001 verwandelten die vier auf der Biennale Venedig den Garten des Österreichischen Pavillons in eine mesozoische Paradieslandschaft samt am ganzen Gelände verteilten osmotischen Akteuren. Und seit September 2005 kündet im Piemont ein sechzig Meter langer und sechs Meter hoher liegender Hase, aus dessen mit toskanischem Stroh gefüllter gestrickter rosa Hülle Gedärme hervorquellen, vom hohen Sturz der Kunst zurückins Leben.

     
       
             
1 gelitin
Nasser Klumpatsch, 2004
ICA, Sofia, Bulgarien

3 gelitin
Weltwunder, 2000, In Between
Expo 2000, Hannover
           
  Chinese Synthese Leberkäse  
  Im Kunsthaus Bregenz werden viele Arbeiten von gelitin selbstgebaut. So im Erdgeschoss für die KUB-Arena ein öffentliches WC mit Balkon. Für diese Zone gilt Eintritt frei für die Stadtbevölkerung sowie alle Weitgereisten. Auf der ersten Ebene wird es eine klassische Ausstellung großformatiger Malerei von gelitin geben, während das zweite Stockwerk zu einem Kino mit mehreren Vorführsälen umgebaut wird: im Hauptprogramm natürlich ein Film von gelitin. Im dritten Stockwerk gibt es den Fusionsreaktor zu sehen. Fallweise kann ein Stiegengeländer schon mal aus Würstchen gebaut sein, denn, so die vier: »Wir leben für die Überraschungen im Detail. «Sie wollen nicht» mit großem Aufwand elefantenweise Material herbeischaffen, weil sich vielleicht alles vor Ort erfinden lässt«. Schließlich lautet ein Motto: »Travel light, appear complex« – man sieht, sie meinen es ernst mit ihrem hintergründigen Humor. In der Schau im Kunsthaus Bregenz, der ersten großen Museumsausstellung überhaupt, vereint gelitin alle wesentlichen Strategien der Gruppe. Die Verschränkung von architektonischen skulpturalen Elementen und körper-, lustbetontem dadaistischem Austausch zwischen Künstlern, Kunst und Publikum zeugt von einem ungebrochenen anarchischen Idealismus für das, wofür die vier eigentlich antreten: die Kunst. Und das spürbar in dem Wissen, dass damit alle Materialien, Inhalte und Handlungen verwandelt werden können und somit »Kunstort, Geniebegriff und traditionelle Positionen des künstlerischen Schaffens« (Elisabeth Schweeger) schachmatt gesetzt werden.