L  I  F  E  S  T  Y  L  E                             11 I 07 I 98 - 20 I 09 I 98      
Eröffnung:  10 I 07 I 98  


Biografien



   
           
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Kunstwelt ohne Grenzen? Interview Edelbert Köb - Jèrôme Sans

Iké Udé, Arbeit aus der "Cover-Girl"-Serie, 1994-1997, Fotografie

Cindy Sherman, Untitled (Post Card Series for Comme des Garcons), 1994 , Fotoarbeit

Regina Möller, regina-Zeitschrift LIFESTYLE Kunst in den Grenzbereichen von Mode, Design, Styling, Interieur



Jèrôme Sans: Warum Lifestyle und warum in Bregenz?
Edelbert Köb: Lifestyle ist ein Ausstellungstitel, der einigen gar nicht gefällt, weil sich dieser Begriff nicht auf die Realitäten des Lebens bezieht, sondern eine zeitgeistige Oberfläche bezeichnet, den schönen Schein. Er ist natürlich eine Provokation, besonders für eine Kunstausstellung. Analysiert man die Arbeiten der beteiligten Künstler wäre der Titel "Antilifestyle" angebrachter. Unbestritten dürfte sein, daß im weiten Feld des "crossover" die Annäherungen und Grenzüberschreitungen zwischen Mode, Design, Architektur und Werbung zu den aktuellen Phänomenen gehören. Der Ort selbst, also Bregenz, ist für mich in diesem Zusammenhang bedeutungslos. Probleme sind heute global und die kulturellen Erscheinungsformen gleichen sich weltweit zusehends.
Jèrôme Sans: Ich finde, am Ende dieses Jahrtausends handelt es sich dabei um ein besonders interessantes Konzept. Nachdem es eben viel mehr ein Konzept als eine Wirklichkeit ist, nachdem die Städte immer mehr zu Orten werden, die man besucht, aber in denen man nicht mehr bleibt, nachdem in unserer Zivilisation die Geschwindigkeit der Nachrichtenübermittlung das Wesentliche ist und nicht die Dauer oder der Ewigkeitsgehalt, - in der es also keinen fixen Ort mehr gibt, drängt es sich gerade in diesem Kontext auf, jetzt die Frage nach "Lifestyle" zu stellen. Sie in Bregenz zu stellen und nicht in einer Metropole scheint mir besonders passend, weil hier der ältere Begriff der Lebenskunst - das Genießens des Lebens - noch viel aktueller ist, als in den großen Städten, in denen man viel mehr nach außen, als nach innen lebt. In einer Zeit, in der man keine Zeit mehr hat, ist es wichtig, sich mit dem Begriff auseinanderzusetzen. Es ist kein unnötiger nostalgischer Begriff, sondern es ist die Frage nach unserer heutigen Gesellschaft.
EdelbertKöb: Darüber hinaus weist "Lifestyle" auch auf die Praxis heutiger Künstler hin, die sich mehr und mehr für die Realität des Alltagslebens interessieren und immer häufiger das angestammte Umfeld verlassen. Dafür gibt es zwei Vorbilder, Andy Warhol und früher das Bauhaus, und andere, aber der Wunsch, sich außerhalb der hermetischen Kunstwelt Produktionsmittel und Wirkungsfelder aufzuschließen ist zur Zeit besonders deutlich. Heutige Künstler haben oft eine umfassende Vorstellung von ihrem Metier, sie wollen die gesamte Umwelt mit ihren Ideen infiltrieren.
Jèrôme Sans: Ich glaube, daß der Ausdruck Die Finger überall drinnen haben, wie man auch im Englischen sagt, sehr zutreffend ist. Die Künstler wollen sich heute einfach nicht mehr festlegen lassen.
Edelbert Köb: Damit stellt sich aber auch die Frage, was macht dann noch die Kunst aus, wenn sie sich gibt wie das "Leben". Die Differenzierung, und diese ist den meisten Künstlern doch sehr wichtig, muß offensichtlich immer wieder ausgelotet werden. Diesen Prozeß zwischen Annäherung und Abgrenzung finde ich äußerst spannend. Donald Judd hat einmal ungefähr gesagt: "Wenn ich eine Skulptur mache, bin ich Bildhauer, wenn ich ein Haus baue Architekt, wenn ich einen Stuhl entwerfe Designer." Dagegen erscheint die Haltung jüngerer Künstler oft unentschieden bzw. bewußt ambivalent.
Jèrôme Sans: Du hast recht, alle hier eingeladenen Künstler thematisieren eigentlich die Grenzen, aber sie bleiben Künstler - jedenfalls die, die wir ernst nehmen. Denn ein Designer reagiert auf einen Auftrag, auf ein Bedürfnis, das an ihn herangetragen wird, von außen. Das macht ein Künstler nie, er bleibt immer in seiner Welt, im Universum seiner Kunst. Er macht immer genau was er will, und er richtet sich nicht nach äußeren Zwängen. Ich glaube, darin liegt der wesentliche Unterschied. Sie richten sich nur nach ihren Phantasien, jedenfalls nicht nach den Bedürfnissen der Industrie und den Konsumenten. Ich glaube, daß sie sich in dieser im Fluß befindlichen Welt einfach neu zu orientieren versuchen und daß sie mit der neuen Orientierung der Globalisierung auch für sich neue, passende Gebiete erobern wollen, weil die sich nur noch auf der Einzäunung eines Gebietes befinden, das nicht mehr die aktuelle Welt darstellt. Ich glaube, daß der wesentliche Unterschied darin besteht, daß die zeitgeistigen Künstler das Bedürfnis haben, in die Welt mit den Mitteln dieser Welt einzudringen und nicht mehr mit alten Schemata, die vorschrieben, was zur Welt der Kunst gehörte und was nicht. Die heutige Kunstwelt ist ohne Grenzen, alles ist möglich, alles ist vorstellbar, man kann an alles herankommen, speziell wenn es sich um allgemeine Probleme der Welt handelt. Die vergangene Kunstwelt erscheint mir wie ein Haus, das die Jalousien heruntergelassen hat, manche Künstler halten sich noch darin auf. Die anderen aber interessieren sich für "hier" und "heute", für das Agieren in der aktuellen Umwelt mit anderen Mitteln.
Edelbert Köb: Ich glaube, daß es immer so war. Die Grenze war immer wichtig, ob man diesseits oder jenseits war. So ist es auch ein Unterschied, ob ich ein Produkt für den Shop bestelle, oder ob ich eine Edition von dreißig Stück vorbereite. Man kann das nicht genau definieren, aber wenn der Künstler weiß: da gibt es eine Riesenauflage, das wird überall verkauft, dann entwirft er anders. Eine bestimmte Position bleibt immer dem Museum vorbehalten. Du weißt ja auch, daß der Grenzbereich zwischen Kunst und Architektur, oder auch zwischen Kunst und Mode unseren Sammlungsschwerpunkt in Bregenz bildet. Aber das ist kein Ausstellungsschema, der globalere Begriff, der Überbegriff ist eben "Lifestyle". Ich habe mich immer gefragt, was eigentlich der Unterschied ist zwischen dem Werk eines Künstlerarchitekten und dem eines Künstlers, wenn beide Architektur machen. Man könnte denken, es wäre die Funktion, weil die bei den Architekten meist einen profanen Zweck hat. Aber wenn zum Beispiel beide ein Museum bauen (Peter Zumthor und Donald Judd), dann fällt dieses Kriterium auch weg, die Funktion allein kann es also nicht sein. Donald Judd sagt zum Beispiel immer: "Wenn ich Architektur mache, bin ich Architekt und kein Künstler!" Ich glaube, die meisten Künstler würden das auch von sich so behaupten, wenn sie einen Stuhl entwerfen, sind sie eben in diesem Moment Designer und nicht Künstler.