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Kunstwelt ohne Grenzen? Interview Edelbert Köb - Jèrôme
Sans
Iké Udé, Arbeit aus der "Cover-Girl"-Serie,
1994-1997, Fotografie
Cindy Sherman, Untitled (Post Card Series for Comme des Garcons),
1994 , Fotoarbeit
Regina Möller, regina-Zeitschrift LIFESTYLE Kunst in den
Grenzbereichen von Mode, Design, Styling, Interieur

| Jèrôme
Sans: |
Warum Lifestyle und warum in
Bregenz? |
| Edelbert
Köb: |
Lifestyle ist ein Ausstellungstitel,
der einigen gar nicht gefällt, weil sich dieser Begriff
nicht auf die Realitäten des Lebens bezieht, sondern eine
zeitgeistige Oberfläche bezeichnet, den schönen Schein.
Er ist natürlich eine Provokation, besonders für eine
Kunstausstellung. Analysiert man die Arbeiten der beteiligten
Künstler wäre der Titel "Antilifestyle"
angebrachter. Unbestritten dürfte sein, daß im weiten
Feld des "crossover" die Annäherungen und Grenzüberschreitungen
zwischen Mode, Design, Architektur und Werbung zu den aktuellen
Phänomenen gehören. Der Ort selbst, also Bregenz,
ist für mich in diesem Zusammenhang bedeutungslos. Probleme
sind heute global und die kulturellen Erscheinungsformen gleichen
sich weltweit zusehends. |
| Jèrôme
Sans: |
Ich finde, am Ende dieses Jahrtausends
handelt es sich dabei um ein besonders interessantes Konzept.
Nachdem es eben viel mehr ein Konzept als eine Wirklichkeit
ist, nachdem die Städte immer mehr zu Orten werden, die
man besucht, aber in denen man nicht mehr bleibt, nachdem in
unserer Zivilisation die Geschwindigkeit der Nachrichtenübermittlung
das Wesentliche ist und nicht die Dauer oder der Ewigkeitsgehalt,
- in der es also keinen fixen Ort mehr gibt, drängt es
sich gerade in diesem Kontext auf, jetzt die Frage nach "Lifestyle"
zu stellen. Sie in Bregenz zu stellen und nicht in einer Metropole
scheint mir besonders passend, weil hier der ältere Begriff
der Lebenskunst - das Genießens des Lebens - noch viel
aktueller ist, als in den großen Städten, in denen
man viel mehr nach außen, als nach innen lebt. In einer
Zeit, in der man keine Zeit mehr hat, ist es wichtig, sich mit
dem Begriff auseinanderzusetzen. Es ist kein unnötiger
nostalgischer Begriff, sondern es ist die Frage nach unserer
heutigen Gesellschaft. |
| EdelbertKöb:
|
Darüber hinaus weist "Lifestyle"
auch auf die Praxis heutiger Künstler hin, die sich mehr
und mehr für die Realität des Alltagslebens interessieren
und immer häufiger das angestammte Umfeld verlassen. Dafür
gibt es zwei Vorbilder, Andy Warhol und früher das Bauhaus,
und andere, aber der Wunsch, sich außerhalb der hermetischen
Kunstwelt Produktionsmittel und Wirkungsfelder aufzuschließen
ist zur Zeit besonders deutlich. Heutige Künstler haben
oft eine umfassende Vorstellung von ihrem Metier, sie wollen
die gesamte Umwelt mit ihren Ideen infiltrieren. |
| Jèrôme
Sans: |
Ich glaube, daß der Ausdruck
Die Finger überall drinnen haben, wie man auch im Englischen
sagt, sehr zutreffend ist. Die Künstler wollen sich heute
einfach nicht mehr festlegen lassen. |
| Edelbert
Köb: |
Damit stellt sich aber auch
die Frage, was macht dann noch die Kunst aus, wenn sie sich
gibt wie das "Leben". Die Differenzierung, und diese
ist den meisten Künstlern doch sehr wichtig, muß
offensichtlich immer wieder ausgelotet werden. Diesen Prozeß
zwischen Annäherung und Abgrenzung finde ich äußerst
spannend. Donald Judd hat einmal ungefähr gesagt: "Wenn
ich eine Skulptur mache, bin ich Bildhauer, wenn ich ein Haus
baue Architekt, wenn ich einen Stuhl entwerfe Designer."
Dagegen erscheint die Haltung jüngerer Künstler oft
unentschieden bzw. bewußt ambivalent. |
| Jèrôme
Sans: |
Du hast recht, alle hier eingeladenen
Künstler thematisieren eigentlich die Grenzen, aber sie
bleiben Künstler - jedenfalls die, die wir ernst nehmen.
Denn ein Designer reagiert auf einen Auftrag, auf ein Bedürfnis,
das an ihn herangetragen wird, von außen. Das macht ein
Künstler nie, er bleibt immer in seiner Welt, im Universum
seiner Kunst. Er macht immer genau was er will, und er richtet
sich nicht nach äußeren Zwängen. Ich glaube,
darin liegt der wesentliche Unterschied. Sie richten sich nur
nach ihren Phantasien, jedenfalls nicht nach den Bedürfnissen
der Industrie und den Konsumenten. Ich glaube, daß sie
sich in dieser im Fluß befindlichen Welt einfach neu zu
orientieren versuchen und daß sie mit der neuen Orientierung
der Globalisierung auch für sich neue, passende Gebiete
erobern wollen, weil die sich nur noch auf der Einzäunung
eines Gebietes befinden, das nicht mehr die aktuelle Welt darstellt.
Ich glaube, daß der wesentliche Unterschied darin besteht,
daß die zeitgeistigen Künstler das Bedürfnis
haben, in die Welt mit den Mitteln dieser Welt einzudringen
und nicht mehr mit alten Schemata, die vorschrieben, was zur
Welt der Kunst gehörte und was nicht. Die heutige Kunstwelt
ist ohne Grenzen, alles ist möglich, alles ist vorstellbar,
man kann an alles herankommen, speziell wenn es sich um allgemeine
Probleme der Welt handelt. Die vergangene Kunstwelt erscheint
mir wie ein Haus, das die Jalousien heruntergelassen hat, manche
Künstler halten sich noch darin auf. Die anderen aber interessieren
sich für "hier" und "heute", für
das Agieren in der aktuellen Umwelt mit anderen Mitteln. |
| Edelbert
Köb: |
Ich glaube, daß es immer
so war. Die Grenze war immer wichtig, ob man diesseits oder
jenseits war. So ist es auch ein Unterschied, ob ich ein Produkt
für den Shop bestelle, oder ob ich eine Edition von dreißig
Stück vorbereite. Man kann das nicht genau definieren,
aber wenn der Künstler weiß: da gibt es eine Riesenauflage,
das wird überall verkauft, dann entwirft er anders. Eine
bestimmte Position bleibt immer dem Museum vorbehalten. Du weißt
ja auch, daß der Grenzbereich zwischen Kunst und Architektur,
oder auch zwischen Kunst und Mode unseren Sammlungsschwerpunkt
in Bregenz bildet. Aber das ist kein Ausstellungsschema, der
globalere Begriff, der Überbegriff ist eben "Lifestyle".
Ich habe mich immer gefragt, was eigentlich der Unterschied
ist zwischen dem Werk eines Künstlerarchitekten und dem
eines Künstlers, wenn beide Architektur machen. Man könnte
denken, es wäre die Funktion, weil die bei den Architekten
meist einen profanen Zweck hat. Aber wenn zum Beispiel beide
ein Museum bauen (Peter Zumthor und Donald Judd), dann fällt
dieses Kriterium auch weg, die Funktion allein kann es also
nicht sein. Donald Judd sagt zum Beispiel immer: "Wenn
ich Architektur mache, bin ich Architekt und kein Künstler!"
Ich glaube, die meisten Künstler würden das auch von
sich so behaupten, wenn sie einen Stuhl entwerfen, sind sie
eben in diesem Moment Designer und nicht Künstler. |
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